Der zweite Teil des Faust verweigert sich der Handlung und entschädigt dafür mit Auftritten von großer Wucht. Im ersten Akt kommen Faust und Mephisto an den Hof des Kaisers, dessen Reich die Ordnung verloren hat. Kurzum, das Heilige Römische Reich deutscher Nation befindet sich in einer politischen und gesellschaftlichen Krise. Der Kanzler analysiert die Lage klarer als jeder Unternehmensberater:
»Doch ach! Was hilft dem Menschengeist Verstand,
Dem Herzen Güte, Willigkeit der Hand,
Wenns fieberhaft durchaus im Staate wüthet,
Und Übel sich in Übeln überbrütet.
Wer schaut hinab von diesem hohen Raum
Ins weite Reich, ihm scheint’s ein schwerer Traum;
Wo Mißgestalt in Mißgestalten schaltet,
Das Ungesetz gesetzlich überwaltet,
Und eine Welt des Irrthums sich entfaltet.« (V. 4778–4786)
Der Kaiser klagt (»Und unsre Cassen bleiben leer.« V. 4851), hat »das ewige Wie und Wenn« satt (V. 4925) und befiehlt Mephisto, alias seinem neuen Hofnarren: »Es fehlt an Geld, nun gut, so schaff‘ es denn!« (V. 4926).
Mephistos Lösung heißt Papiergeld. Das Geld ist rasch gedruckt, gedeckt allein durch die im Boden vergrabenen, herrenlosen Schätze, die traditionell dem Kaiser zufallen, sofern man sie nur erst fände. Der Schatzmeister jubelt, der Kaiser vermag sein Glück kaum zu fassen. Der Konsum erwacht, die Prostitution blüht auf, das Wirtschaftswunder ist da. Faust und Mephisto liefern die Theorie gleich mit: Das neue Geld entsteht durch Einbildungskraft, durch den unerschütterlichen Glauben an Schätze, die man heben kann, ohne sie erarbeiten zu müssen. Gustav Seibt greift diesen Gedanken in seinem klugen Kapitel zu Faust in »Ein Sommer mit Goethe« (München 2026) auf und spricht pointiert von »Modern Money Theory«. Der Vergleich unterhält, doch er verkürzt. Die »Modern Money Theory« beschreibt streng genommen souveränes Fiatgeld, das keiner Deckung bedarf, weil der Staat allein durch sein Steuermonopol Nachfrage nach seiner Währung erzwingt.
Mephistos Schein hingegen behauptet ausdrücklich eine Deckung, und zwar durch Schätze, die es geben mag oder auch nicht. Das ist aber kein Fiatgeld, sondern ein Versprechen auf Kredit gegen eine Fiktion. Mephistos Papiergeld kann als Fortsetzung der Alchemie mit anderen Mitteln gedeutet werden (Hans Christoph Binswanger)
Jedes Vertrauen kennt sein Verfallsdatum. Nur der Hofnarr erkennt das Zeitfenster, in dem das Papier noch Glauben findet, und handelt klug, indem er nicht konsumiert, sondern in Sachwerte investiert: »Heut Abend wieg ich mich im Grundbesitz!« (V. 6171) Mephisto quittiert es lakonisch: »Wer zweifelt noch an unsres Narren Witz!« Der Narr hat begriffen, was dem Kaiser verborgen bleibt, nämlich dass Papier nur so lange Gold ist, wie niemand fragt, wo das Gold liegt.
Ein Nachtrag zum historischen Hintergrund dieser Faust-Episode. Goethe rekurriert auf das System John Laws, der 1716 unter der Regentschaft Philipps von Orléans, also während der Minderjährigkeit Ludwigs XV., eine Notenbank gründete und Papiergeld gegen die Fiktion künftigen Kolonialreichtums ausgab. Das System kollabierte 1720 spektakulär. Erst das revolutionäre Frankreich griff mit den Assignaten, gedeckt durch konfisziertes Kirchen- und Kronland, das Instrument ein zweites Mal auf, mit ähnlichem Ausgang. Goethe, der als Mitglied der Weimarer Landesregierung die herzoglichen Finanzen mitverantwortete und die Mechanik von Kredit und Vertrauen aus Erfahrung kannte, verdichtet diese historischen Ereignisse zu einer einzigen Szene.
Abbildung: Franz Xaver Simm, Mephisto und der Narr, Illustration zu Faust II aus »Goethes Werke. Illustrirt von ersten deutschen Künstlern. Prachtausgabe in 5 Bänden«, Stuttgart, Leipzig o. J. [um 1880].