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Esskunst und Tafelkultur

Wissenschaft und Genuss

Grußwort als Präsident der Deutschen Akademie für Kulinaristik bei der Vorstellung des Buches »Gelato« von Peter Peter in den Räumen der Deutsch-Italienischen Vereinigung Frankfurt am 11. Juni 2026:

Meine Damen und Herren, guten Abend!
Dr. Peter Peter. Was soll man sagen. Ein Kerl, der, statt wie ein vernünftiger Mensch den Sommer am Strand zu verbringen und Drinks zu konsumieren, sich in die tiefsten Archive der Eisgeschichte stürzt. Eisgeschichte! Ich meine, ich habe selbst einige bemerkenswerte Begegnungen mit Eis gehabt, meistens in Form von Zitroneneis, aber Peters Hingabe geht doch erheblich weiter. Allein die Literaturliste in seinem Buch umfasst 75 Titel.
»Italienische Eiszeiten«, allein der Untertitel! Man denkt zunächst an Mammuts, an schneebedeckte Alpen, Geologie und Archäologie. Aber nein! Es geht um Eiscreme. Um diese göttliche, cremige, vollkommen unwiderstehliche Substanz, die die Italiener, ganz offensichtlich die zivilisiertesten Menschen der Erde, der Welt geschenkt haben.
Ich habe Peters Werk gelesen. Na ja, ich habe hineingelesen. Na ja, meine Frau hat mir relevante Passagen vorgetragen, während ich einen Affogato Fiorentino trank. Aber ich versichere Ihnen: fesselnd. Wirklich. Besonders das Rezept des Papstkoches Bartolommeo Scappi über Weichselsorbet aus dem Jahr 1570 (S. 115) hat mich tief bewegt.
Peter hat etwas Bemerkenswertes geleistet. Er hat Wissenschaft und Genuss vereint, ohne dass dabei der Genuss zu kurz kommt. Das, meine Damen und Herren, verdient höchste Bewunderung. Das ist auch ganz im Sinne der »Deutschen Akademie für Kulinaristik«, der Peter als Vorstandsmitglied angehört.
In diesem Sinne hebe ich, metaphorisch, da ich leider kein Glas in der Hand halte, was ich hiermit als Organisationsmangel zu Protokoll gebe, mein Glas auf Peter und sein wunderbares Buch.
Möge jeder von Ihnen es kaufen. Möge jeder es lesen. Und möge danach kein einziger von Ihnen mehr an einer Eisdiele vorbeigehen, ohne innezuhalten.

Literatur: Peter Peter, »Gelato«. Italienische Eiszeiten, Berlin 2026

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Literarische Bildung

Goethes Namen

Reden wir in der ersten Folge unserer Goethe-Reihe über Namen. Unser Held heißt Johann Wolfgang Goethe, nicht: Johann Wolfgang »von« Goethe. Gegenüber Eckermann kommentierte Goethe seine Nobilitierung im Jahre 1782 mit den Worten: »Als man mir das Adelsdiplom gab, glaubten Viele, wie ich mich dadurch möchte erhoben fühlen. Allein, unter uns, es war mir nichts, gar nichts! Wir Frankfurter Patrizier hielten uns immer dem Adel gleich, und als ich das Diplom in Händen hielt, hatte ich in meinen Gedanken eben nichts weiter, als was ich längst besessen.« Goethe kam als Bürgersohn in der Alten Reichsstadt Frankfurt auf die Welt. Jeder, der das Goethehaus Am Hirschgraben 23–25 besucht, kann Goethes Reaktion verstehen. Der Adelstitel war für ihn privat als Standeserhebung ohne Bedeutung, sondern ermöglichte ihm lediglich einen freieren Zugang zum Weimarer Hof und zu seinem Herzog Carl August.
Goethe wurde zu einer Leitfigur des deutschen Bürgertums im späten 19. Jahrhundert und nur aufgrund seiner sozialen Botschaft war Goethe der Prototyp »eines Bürgers vom Adel«. Und weil niemand über Goethe reden kann, ohne das S-Wort zu benutzen, sprich »Schiller« ins Spiel zu bringen, folgt ein weiterer Grund, Goethe nur bei seinem Geburtsnamen zu nennen und auf das »von« zu verzichten: Auch Friedrich Schiller erhielt den Adelsbrief aus Wien und durfte sich Friedrich »von« Schiller nennen, was dem Marbacher und seiner Frau Charlotte von Lengefeld – im Gegensatz zu Goethe – etwas bedeutete: Charlotte hatte nämlich nach ihrer Heirat das »von« aufgeben müssen und konnte seitdem nicht mehr ohne offizielle Einladung bei Hof erscheinen. Das änderte sich 1802.
Man zeige mir ein Buchcover, auf dem als Autor Friedrich von Schiller gepriesen wird. Übrigens: auch der andere Weimarer Klassiker, Johann Gottfried Herder verzichteten auf das »von«.

Abbildung: In der Küche des Hauses »zu den drei Leiern« hängen die Backformen bereit. Falls kein Brot mehr im Hause war, aßen die Frankfurter Patrizier Kuchen.

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Allgemein Geschichte denkt uns vor Literarische Bildung

»Dr. Goethe«

Goethe fasziniert uns nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Person. Der Grund liegt darin, dass er im Alter von sechzig Jahren begann, sein Leben zu erzählen. Alles werde ihm »mehr und mehr historisch« bekannte Goethe gegenüber Wilhelm von Humboldt und fügte hinzu: »ob etwas in der vergangenen Zeit, in fernen Reichen oder mir ganz nah räumlich im Augenblicke vorgeht, ist ganz eins, ja ich erscheine mir selbst immer mehr und mehr geschichtlich«. Seiner eigenen Geschichte gab er den Titel »Aus meinem Leben«. Den ersten Teil dieses Spätwerks, in dem Goethe die Zeit von seiner Geburt bis zur Ankunft in Weimar stilisiert, ließ er zwischen 1811 und 1814 bei Cotta verlegen. Er enthält viel Dichtung und auch Wahrheit. Goethe schrieb weitere Teile, wählte für sie aber neutralere Titel wie »Italienische Reise«, »Sankt-Rochus-Fest zu Bingen«, »Kampagne in Frankreich 1792«, »Belagerung von Mainz« oder »Tag- und Jahreshefte«. Am Ende blieb das Projekt »Aus meinem Leben« unvollendet. Der Roman seines Lebens ist ein Fragment -– Goethe ein Romantiker?

Neben der Autobiographie verfassten Goethes Freunde und Feinde Bücher, die unsereVorstellung vom Wahlweimarer bis heute ebenfalls prägen. Das bekannteste davon sind die Gespräche, die der Bibliothekar und Sekretär Johann Peter Eckermann mit Goethe in dessen letzten Lebensjahren führte. Die »Gespräche« sind so berühmt geworden, dass sie sogar Aufnahme in Goetheausgaben fanden – und zwar als Werk Goethes. Erst die moderne Editionsphilologie anerkennt die »Gespräche« als ein literarisches Werk Eckermanns. Goethe selbst nannte Eckermann seinen »geprüften Haus- und Seelenfreund« oder seinen »getreuen Eckart«. Auf Eckermanns Grabstein wird schlicht stehen: »Göthes Freund«. Ein Ehrentitel, dem sonst niemanden aus Goethes Umfeld zugedacht wurde. Zu Eckermann soll Goethe gesagt haben: »Auf alles, was ich als Poet geleistet habe, bilde ich mir gar nichts ein. [ … ] Daß ich aber in meinem Jahrhundert in der schwierigen Wissenschaft der Farbenlehre der einzige bin, der das Rechte weiß, darauf tue ich mir etwas zugute, und ich habe daher ein Bewußtsein der Superiorität über viele.« Ein Zitat, das im 20. Jahrhundert enorm wirkte und Dutzenden von Autoren zu Büchern und Aufsätze über »Goethe als Naturwissenschaftler« anregte. Die Textgrundlage hierfür schuf Rudolf Steiner mit der II. Abteilung »Naturwissenschaftliche Schriften« in 14 Bänden (1890–1904) der sogenannten »Sophienausgabe« oder »Weimarer Ausgabe«, bis heute die umfangreichste Ausgabe der Werke Goethes mit insgesamt 143 (146) Bänden.

Für den Historiker sind die beiden Beispiele, Romanfragment »Aus meinem Leben« und Eckermanngespräche, »Quellen«, die er erst einmal »kritisieren« muss, bevor er sie zur Grundlage seiner Darstellung macht. Wer hat die Texte verfasst und mit welcher Intention? Die »Quellenkritik« ist wichtigstes Werkszeug der Historiker und die notwendige, wenngleich nicht hinreichende Bedingung, um Texte von oder über Goethes aus ihrem geschichtlichen Kontext heraus verstehen zu können. In zehn Beiträgen werde ich in den kommenden Wochen zeigen, wie ein Historiker mit Quellen zu Goethes Vita umgeht. Dabei öffnen sich überraschende Einsichten, die für uns Menschen der Gegenwart neu sein mögen. Für Goethes Zeitgenossen waren viele dieser Dinge so vertraut, dass sie keiner für die Nachwelt aufschrieb.

Erste Folge: »Goethes Namen: Goethe oder von Goethe

Abbildung: Goethes Modelleisenbahn in seinem Wohnhaus in Weimar

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Allgemein Gebote eines Herrn

Drei Gedanken über Eleganz

  1. Eleganz ist kein Abzeichen, das der Herr sich von seinem Schneider annähen lässt. Vielmehr ist Eleganz eine stille Kunst, wie man seine Schleife so bindet, dass sie auf den Verstand dahinter deutet.
  2. Eleganz ist die Kunst, unnötigen Aufruhr zu vermeiden. Der Herr betritt einen Raum, schaut sich gelassen um und erinnert an einen Gast im »Sperl«: Er wird bewundert oder kommentarlos ignoriert.
  3. Eleganz ist der stille Triumph des Herrn.

Zitat im Titel ist von Oscar Wilde.

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Geschichte denkt uns vor

Die Geburt des modernen Fürsten

Der falsche Ratgeber ist schlimmer als ein Feind. Deshalb beschloß Ludwig XIV. nach dem Tod seines Erziehers Mazarin im Jahre 1661 nur noch alleine, absolut, zu regieren. Mme de Lafayette (1634-1693) schrieb, ihr sei unbegreiflich, wie ein Mensch sich so unähnlich werden könne. Sie markierte damit die »politische Geburt« des modernen Herrschers (Joël Cornette), der sich nicht mehr nur auf eine »authentische« Rolle festlegen ließ, nämlich die des Fürsten, sondern mehrere Rollen spielte. Die Lehrer Ludwigs hatten dem Dauphin nicht nur Reiten beigebracht, sondern auch Musizieren und Tanzen. Außerdem las Mazarin dem jungen Thronfolger Passagen aus dem »Principe« des florentiner Historikers Machiavelli vor. So fand der junge König von Frankreich früh eine Antwort auf die Frage: »Warum mache ich etwas?« Sich in jeder Situation klar zu machen, welche Rolle man gerade annahm, ist das eine, was Mazarin seinem Schüler beibrachte. Das Andere, noch wichtigere war, als Regierender jederzeit seinem Gegenüber klar zu machen, welche Rolle man gerade angenommen hatte. So unterschrieb Ludwig zum Beispiel in der Rolle des absoluten Herrschers alle Schriftstücke selbst, in der Rolle des Herrn war es für ihn selbstverständlich, dass er aufstand, wenn eine Frau den Raum betrat – unabhängig davon, welchem Stand sie angehörte.

Ludwig XIV., der heute oft negativ beurteilt wird, weil ein Höfling wie der Herzog Saint-Simon, dem eine Karriere am Versailler Hof versagt blieb, sich mit seinen »Memoires« am König rächte, erfand zwar nicht den modernen Herrscher (das war Machiavelli). Aber der französische König war der erste Fürst, der anhand des Rollenmodells modern regierte. Dabei duldete der Roi-Soleil keinen zweiten Mann im Staat, keinen ersten Ratgeber, der faktisch die Regierungsgeschäfte führte, während das Oberhaupt im Idealfall lediglich Mitentscheider oder Erteiler von Vollmachten war. Kluge Ratschläge, von wem sie auch kommen mögen, erwachsen notwendig aus der Klugheit des Fürsten, und nicht die Klugheit des Fürsten aus klugen Ratschlägen.

Abbildung:

Ausschnitt aus »Le Roi gouverne par lui-même« von Charles Le Brun, Schloß Versailles (MV 8975)

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Esskunst und Tafelkultur

Essen wie Gott am Hofe Ludwigs XIV.

Für den französischen Aufklärer Voltaire war das »Zeitalter Ludwigs XIV.« nicht nur das »aufgeklärteste aller bisherigen Zeitalter«, sondern nach der griechischen und der römischen Antike sowie der Renaissance in Italien die »vollkommenste« Epoche der Geschichte. Auf allen Gebieten habe der Sonnenkönig Großes geleistet, so auch für die Tafelkultur und die Kochkunst. Sein Jahrhundert war ein Jahrhundert der Neuerungen. Folgen wir dem Höfling Louis de Rouvroy, duc de Saint-Simon und Elisabeth Charlotte von der Pfalz, dann entstanden alle diese Neuerungen aufgrund der Erwartungen eines hungrigen französischen Königs: »An Appetit mangelte es ihm [Ludwig XIV.] nie in seinem Leben, ohne jemals hungrig gewesen zu sein oder etwas zu essen zu brauchen, auch wenn ihn der späte Zufall manchmal zum Essen veranlasst hatte. Aber bei den ersten Suppenlöffeln machte sich immer der Appetit breit und er aß nachts und morgens so ausgiebig und so fest und so gleichmäßig, dass man sich nie an den Anblick gewöhnte. Sein ganzes Leben lang hatte er sehr wenig Brot gegessen und sehr lange nur die Krümel verbraucht, weil er keine Zähne mehr hatte. Die Suppe in größerer Menge, das sehr klare Hackfleisch und die Eier machten das wieder wett.« Und: »Das ganze Jahr über aß Ludwig XIV. zum Abendessen eine ungeheure Menge Salat. Seine Suppen, von denen er mehrere abends und morgens aß, und zwar in jeder Menge, […] waren voller Jus und von äußerster Stärke, und alles, was ihm serviert wurde, war mindestens doppelt so viel mit Gewürzen versehen, die man normalerweise reinsteckt und sehr stark. Er aß keinerlei Wildbret, auch kein Wassergeflügel, aber ansonsten ausnahmslos alles Fette und Magere.«
Genauer betrachtet, war das Vergnügen Ludwigs XIV. am Essen aber eher der Anlass und nicht der Grund für eine »Revolution des Geschmacks«, die Mitte des 17. Jahrhunderts in Frankreich ausbrach und den Aufstieg der französischen Küche zum Maß aller Küchen anstieß. Bevor die Menschen leben konnten wie »Gott in Frankreich« mussten sie erst lernen zu »Essen wie Gott am Hofe Ludwigs XIV.«

Abbildung:

François-Pierre de La Varenne, der Koch Maria Medicis, hatte bereits in den 1650er Jahren zwei Rezeptsammlungen veröffentlicht, »Le Cuisinier François« (1651) und »Le Pastissier François« (1655). Das Kochbuch des unter dem Pseudonym schreibenden Autor La Varenne war mit über 60 Auflagen das erfolgreichste Kochbuch des 17. Jahrhunderts. Darin verrät er die Geheimnisse, wie Speisen delikat zubereitet werden (Vorwort). »Le Cuisinier François« war das erste einer Reihe von Kochbüchern, die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die französische Küche prägten.

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Literarische Bildung

Lesen

Obwohl der Gentleman Bertram Wilberforce Wooster das Eton College und anschließend das Magdalen College in Oxford besucht hat, und er sich brüstet, früher sogar einen Preis für seine Bibelstudien gewonnen zu haben, besteht seine Bildung scheinbar vor allem im Geschick, Polizeihelme zu stehlen. Er liest manchmal Kriminalromane und gelegentlich Ratgeber – »Die vergiftete Nadel« oder »Mit Flinte und Fotoapparat durch das unberührte Borneo«, um nur zwei Titel zu nennen –, aber diese Lektüre ist einigen seiner Verehrerinnen zu trivial. Sie drücken ihm statt dessen Bücher wie »Typologie der Ethik« in die Hand, die Bertie Wooster nach Augenscheinnahme empört als nicht verständlich in sein Regal befördert.
Als Bertie Wooster eine Buchhandlung aufsucht, um für seinen Diener Jeeves die kürzlich erschienene, mustergültig kommentierte Werkausgabe Spinozas zu kaufen, wird er dabei von seiner Ex-Freundin Florence Craye überrascht, die es nicht fassen kann, daß sich ihr ehemaliger Verlobte plötzlich für einen Philosophen des 17. Jahrhunderts interessiert: »Bertie! Nicht zu fassen! Liest du tatsächlich Spinoza?« Bertram Wooster antwortet ihr: »Wenn ich einen Moment der Muße finde, versenke ich mich am liebsten in den neusten Spinoza«, worauf die Verflossene mit einem simplen »Ach!« reagiert und dann hinzufügt: »Wir müssen uns mal in Ruhe austauschen […] Ein Intellekt im Werden ist ja sooo faszinierend.« Bertie Wooster ist somit für Florence Craye wieder ein Heiratskandidat. Auch wenn das Lesen nicht das Hauptthema in Pelham G. Wodehouse’ Roman »Joy in the Morning« (1947, dt. »Ohne mich, Jeeves!«, 2002) ist, so zeigt die Episode aus dem Leben des reichen Müßiggängers Wooster doch recht gut, daß neben dem Lesen immer auch das Nichtlesen lebenswichtig sein kann.
Jenseits der Unterhaltungsliteratur, in der Wissenschaft, kommt es sogar sehr oft auf das Nichtlesen an: Am Anfang seiner Arbeit sammelt der Forscher Buchtitel, er bibliographiert. Dann nimmt er jeden aufgelisteten Titel in die Hand und entscheidet, welche Bücher und Aufsätze er ganz, welche er nur in Teilen oder welche er gar nicht liest. Hinzu kommt: »Bei den großen Lesern, die ihr ganzes Leben dieser Tätigkeit verschrieben haben, verbirgt die Geste des Ergreifens und Öffnen eines Buches stets die entgegengesetzte, die darin enthalten ist und demzufolge unbemerkt bleibt: die unfreiwillige Geste des Nichtergreifens oder Zuklappen sämtlicher Bücher.« (Pierre Bayard)
Wie der Wissenschaftler, so sucht auch jeder gebildete Leser Orientierung. Er will sich in Bibliotheken eher zurechtfinden und nicht angesichts tausender ungelesener Bücher in Ehrfurcht erstarren. Welcher Gebildete liest schon alle 88 Bände von Balzacs »La Comédie humaine« oder »Les Rougon-Macquart. Histoire naturelle et sociale d’une famille sous le Second Empire« von Émile Zola oder Marcel Prousts »À la recherche du temps perdu«? Leser von James Joyce’ »Ulysses« oder der Werke Arno Schmidts bleiben oft unter sich, sind vor allem Liebhaber, tauschen sich in der »Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser« aus und eignen sich gelegentlich für das Amt eines Akademiepräsidenten.
Der Gebildete darf dem Lesen nicht verfallen, oft muß er seiner Leseleidenschaft entsagen. Der Pariser Literaturprofessor und Psychoanalytiker Pierre Bayard zitiert in seinem Buch »Comment parler des livres que l’on n’a pas lus?« (2007) den Bibliothekar in Robert Musils »Der Mann ohne Eigenschaften«, der sich, zum Erstaunen seines Gastes Generals Stumm, unter Millionen Büchern zurechtfindet: »Herr General […] Sie wollen wissen, wieso ich jedes Buch kenne? Das kann ich Ihnen nun allerdings sagen: Weil ich keines lese!« Zuvor hatte der General sorgfältig ausgerechnet, wieviel Zeit er für seinen Plan benötigen werde, alle dreieinhalb Millionen Bücher der Bibliothek auch wirklich vollständig zu lesen. Letztlich erweist sich der professionelle Bibliothekar zugleich als der wahrer Buchliebhaber und nicht der Bibliotheksbenutzer. Der Bibliothekar übersieht keinen Band im Regal und bevorzugt oder vernachlässigt folglich auch keines seiner Bücher. »Wer seine Nase in die Bücher steckt, ist für die Kultur verloren, sogar für das Lesen«, resümiert Bayard, und fügt hinzu, daß wahre Bildung umfassend sei und kein Faktensammeln.
Pädagogen sprechen gerne von »Lesequalifikation« als Grundlage für »Medienkompetenz«. Als Ziel des Lesens formulieren sie die »Erziehung zum mündigen Medienbenutzer mit guten Chancen zur Partizipation am gesellschaftlichen Kommunikationsprozeß« (H. Heidtmann). P. G. Wodehouse‘ Held Bertie Wooster hat dieses Klassenziel erreicht. Er ist ein beliebter Gastgeber und versteht es nach »kopflosen Taten« zumindest bis zum Eintreffen der königlichen Kavallerie, und die wird fast immer von seinem belesenen Diener Jeeves angeführt, über Wasser zu halten.

Auszug aus meinem Artikel »Erkenntnis schaffen: Lesen«, in: Michael Maaser/Gerrit Walther (Hrsg.): Bildung. Ziele und Formen, Traditionen und Systeme, Medien und Akteure XV, 456 S., 2 s/w Abb., 3 Tabellen, gebunden, Stuttgart (Verlag J. B. Metzler) 2011, aktuell dritte Auflage im Springer Verlag, 27,99 € (ISBN 978-3-476-02098-7)

Abbildung: Bücher im Regal der Bibliothek Friedrich Schillers in Weimar

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Allgemein

»Historia magistra vitae«

Der Historiker wundert sich über nichts. Denn er kennt zu viele Geschichten aus Vergangenheit und Gegenwart, deren Veröffentlichung jeder Verlagslektor als »zu unglaubwürdig« ablehnen würde.
Der Historiker hält seiner Erfahrung nach schlicht alles für möglich. Selbst auf die wundersamten Ungeheuerlichkeiten reagiert er deshalb gelassen und läßt durchblicken, er habe nichts anderes erwartet. Ein Teil des Bühnenbildes für die Uraufführung von »Siegfried« anlässlich der Eröffnung des Festspielhauses 1876 wird statt nach Bayreuth nach Beirut im damaligen Syrien geliefert? »C’est normal!«. Ein Bekannter verputzt in ihrer Gegenwart mit Vorliebe Steak-Nieren-Pudding und beschimpft dabei Rennhunde, die ihm nicht schnell genug unterwegs sind? »Das ist normal, hier hält sich doch nur die poetische Ader des Kameraden im Verborgenen.« »Faust« fliegt aus dem Landesabitur? »Völlig normal!« Schon Goethe wußte, dass seinem Stück die »durchgreifenden Idee« fehlte: »Je inkommensurabeler und für den Verstand unfaßlicher eine poetische Produktion«, umso weniger geeignet sei der Text für die Lektüre in der Schule.
Erfahrung relativiert, kombiniert mit historischer Bildung fördert sie nicht nur die Urteilsfähigkeit, sondern führt direkt zur Altersweisheit. Die unaufgeregte Haltung des Historikers hat noch einen weiteren Vorteil. Sie gibt den Schein von erheblich mehr Wissen, als man gemeinhin besitzt. Der Historiker ist deshalb immer auch ein Hochstapler.

Quellen und Literatur: Johann Wolfgang Goethe, »Die natürliche Tochter. Trauerspiel«, bes. IV. Akt, 2. Auftritt; Johann Peter Eckermann, Gespräch mit Goethe vom 6. Mai 1827; P. G. Wodehouse, »Thank You, Jeeves«, 1934; Asfa-Wossen Asserate, »Manieren« (2003); Reinhart Koselleck, »Historia Magistra Vitae. Über die Auflösung des Topos im Horizont neuzeitlich bewegter Geschichte«, in: Reinhart Koselleck, »Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten«, Frankfurt am Main 1989, S. 38–66.

Abbildung: Ausschnitt aus Ciceros »Divinatio in Caecilium«, Handschrift um 1460, t Budapest, Egyetemi Könyvtár, Cod. Lat. 2.

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Allgemein Gebote eines Herrn

Der letzte Gentleman

Wer im Jahre 1938 dem Public Schools Club beitreten wollte, stolperte über die Anmerkung in der Spalte Berufsangabe: Gentleman darf nicht mehr als Beruf angegeben werden.

Damit schaffte das britische Empire endgültig den Gentleman ab.

Der 1863 gegründete Public Schools Club beschränkte sich auf ehemalige Schüler u.a. des Eton College, der Harrow School, oder der Westminster School. Seine Mitglieder trafen sich in der Piccadilly Street 100, also in Nachbarschaft von Lord Peter Wimsey.

Nach schwindenden Mitgliederzahlen übernahm im Jahre 1972 der East India Club am St James’s Square den Public Schools Club. Der Niedergang des Public Schools Club hatte jedoch bereits 1938 begonnen.

Foto: Ian Carmichael als Lord Peter Wimsey

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Allgemein Literarische Bildung

Narren sind überall und Schein ist alles

Jetzt, Ende Februar, beginnt die vorlesungsfreie Zeit, und ich denke nach, wie ich die Einsichten und Erkenntnisse, die ich im vergangenen Semester gewonnen habe, festhalten kann. Ziehe ich die Evaluation meiner Lehre zu Rate, dann fällt auf: Die Kommilitonen lesen gerne für sie (und ihr Leben) relevante und schöne Texte.
Seit vielen Semestern weise ich meine Studierenden auf wichtige Bücher hin, die zeitlos und »merkwürdig« (im Wortsinne des 18. Jahrhunderts) sind. Das gefällt den Hörern, und deshalb entschloß ich, meinen Kanon der wichtigen Bücher für den Gebildeten auch mit den Leserinnen und Lesern meines Blogs zu teilen. Die Sammlung werde ich nach und nach unter der Rubrik »Pflichtlektüre« ausbreiten.

Pflichtlektüre I: Erasmus von Rotterdam, »Lob der Torheit« (1511)

Das »Lob der Torheit« (»Moriae encomium«) ist der Schlüssel für unser modernes Menschenbild, das italienische Humanisten in der Renaissance erstmals dachten und formulierten und Erasmus von Rotterdam nördlich der Alpen verbreitete.

Erasmus’ Buch ist nicht nur ein Lob der Torheit aus dem Munde der Göttin Torheit, sondern auch ein Lob der Göttin Torheit. Das Werk gäbe, so erklärte Erasmus in der Widmung an seinen Freund Thomas Morus, eine Antwort auf die gemeinsamen Fragen nach Sinn und Aufgabe der Bildung. Der Essay sei eine ironische Spielerei und orientiere sich dabei an großen Autoren der Antike. Erasmus dachte hier vor allem an den griechischen Satiriker Lukian, dessen Werke er mit seinem Freund Morus 1506 ediert hatte.

Die Torheit stellt sich ihren Schülern als Wohltäterin der Menschen vor. Sie schilt Lehrer, Philosophen, Theologen und preist sich selbst. Vom Katheder aus wendet sie sich an ihr Publikum und lehrt, dass sie es mit dem alten Sprichwort halte, »dass jeder ein Recht hat, sich zu loben, wenn ihm kein anderer den Gefallen tut«.

Drei Punkte hebt die Göttin Torheit hervor: a) Die Menschen lassen sich nicht durch Argumente überzeugen, sondern nur durch Possen, fabelhafte Geschichten und Leidenschaften regieren, b) das ganze Leben bestehe aus einem Spiel der Narrheit, das die Menschen mittels Trug und Schein in seinen Bann zieht: »Was ist das menschliche Leben schon anders als ein Schauspiel, in dem die einen vor dem anderen in Masken auftreten und ihre Rolle spielen, bis der Regisseur sie von den Brettern abruft?« Und schließlich c) Niemand werde glücklich in seinem Leben ohne Geleit der Torheit. Selbsttäuschung gehöre zur menschlichen Natur. Nur Narren erlägen keinen Hoffnungen und quälten sich nicht mit Sorgen, seien ähnlich unschuldig wie das Vieh. Sie verstünden, dass nichts närrischer sei als Streit und Krieg, weil alle Beteiligten aus Krieg und Streit mehr Schaden als Nutzen zögen.

Das Leben ist ein Schauspiel, jeder von uns sollte seine Rollen kennen und so spielen, dass der Gegenüber die jeweilige Rolle auch erkennt. Kein Mensch ist authentisch. Authentisch ist nur der Esel.