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Allgemein Geschichte denkt uns vor Literarische Bildung

»Dr. Goethe«

Auftakt einer Reihe zu Johann Wolfgang Goethe

Goethe fasziniert uns nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Person. Der Grund liegt darin, dass er im Alter von sechzig Jahren begann, sein Leben zu erzählen. Alles werde ihm »mehr und mehr historisch« bekannte Goethe gegenüber Wilhelm von Humboldt und fügte hinzu: »ob etwas in der vergangenen Zeit, in fernen Reichen oder mir ganz nah räumlich im Augenblicke vorgeht, ist ganz eins, ja ich erscheine mir selbst immer mehr und mehr geschichtlich«. Seiner eigenen Geschichte gab er den Titel »Aus meinem Leben«. Den ersten Teil dieses Spätwerks, in dem Goethe die Zeit von seiner Geburt bis zur Ankunft in Weimar stilisiert, ließ er zwischen 1811 und 1814 bei Cotta verlegen. Er enthält viel Dichtung und auch Wahrheit. Goethe schrieb weitere Teile, wählte für sie aber neutralere Titel wie »Italienische Reise«, »Sankt-Rochus-Fest zu Bingen«, »Kampagne in Frankreich 1792«, »Belagerung von Mainz« oder »Tag- und Jahreshefte«. Am Ende blieb das Projekt »Aus meinem Leben« unvollendet. Der Roman seines Lebens ist ein Fragment -– Goethe ein Romantiker?

Neben der Autobiographie verfassten Goethes Freunde und Feinde Bücher, die unsereVorstellung vom Wahlweimarer bis heute ebenfalls prägen. Das bekannteste davon sind die Gespräche, die der Bibliothekar und Sekretär Johann Peter Eckermann mit Goethe in dessen letzten Lebensjahren führte. Die »Gespräche« sind so berühmt geworden, dass sie sogar Aufnahme in Goetheausgaben fanden – und zwar als Werk Goethes. Erst die moderne Editionsphilologie anerkennt die »Gespräche« als ein literarisches Werk Eckermanns. Goethe selbst nannte Eckermann seinen »geprüften Haus- und Seelenfreund« oder seinen »getreuen Eckart«. Auf Eckermanns Grabstein wird schlicht stehen: »Göthes Freund«. Ein Ehrentitel, dem sonst niemanden aus Goethes Umfeld zugedacht wurde. Zu Eckermann soll Goethe gesagt haben: »Auf alles, was ich als Poet geleistet habe, bilde ich mir gar nichts ein. [ … ] Daß ich aber in meinem Jahrhundert in der schwierigen Wissenschaft der Farbenlehre der einzige bin, der das Rechte weiß, darauf tue ich mir etwas zugute, und ich habe daher ein Bewußtsein der Superiorität über viele.« Ein Zitat, das im 20. Jahrhundert enorm wirkte und Dutzenden von Autoren zu Büchern und Aufsätze über »Goethe als Naturwissenschaftler« anregte. Die Textgrundlage hierfür schuf Rudolf Steiner mit der II. Abteilung »Naturwissenschaftliche Schriften« in 14 Bänden (1890–1904) der sogenannten »Sophienausgabe« oder »Weimarer Ausgabe«, bis heute die umfangreichste Ausgabe der Werke Goethes mit insgesamt 143 (146) Bänden.

Für den Historiker sind die beiden Beispiele, Romanfragment »Aus meinem Leben« und Eckermanngespräche, »Quellen«, die er erst einmal »kritisieren« muss, bevor er sie zur Grundlage seiner Darstellung macht. Wer hat die Texte verfasst und mit welcher Intention? Die »Quellenkritik« ist wichtigstes Werkszeug der Historiker und die notwendige, wenngleich nicht hinreichende Bedingung, um Texte von oder über Goethes aus ihrem geschichtlichen Kontext heraus verstehen zu können. In zehn Beiträgen werde ich in den kommenden Wochen zeigen, wie ein Historiker mit Quellen zu Goethes Vita umgeht. Dabei öffnen sich überraschende Einsichten, die für uns Menschen der Gegenwart neu sein mögen. Für Goethes Zeitgenossen waren viele dieser Dinge so vertraut, dass sie keiner für die Nachwelt aufschrieb.

Erste Folge: »Goethes Namen: Goethe oder von Goethe

Abbildung: Goethes Modelleisenbahn in seinem Wohnhaus in Weimar

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